Gendern

„Gendern“ (oder auch nicht) in Rollenspielprodukten – mögliche Folgen für das Hobby

Vor einigen Wochen fragte ein Mitspieler in einer Chat-Gruppe, ob jemand ein Splittermond-Startbox haben möchte. Diese sei komplett „durchgegendert“ und daher bestehe kein Interesse an dem Produkt.

In der Chat-Gruppe führte dies zu einem Austausch, wie zu „gegenderten“ Rollenspielprodukten zu stehen sei. Hierbei gab es drei Meinungen:

  1. Es sei nicht gern gesehen bis inakzeptabel (so oben),
  2. es sei begrüßenswert bis geboten, oder
  3. es sei egal – jeder soll so schreiben, wie es beliebt (dieser Standpunkt wurde mehrheitlich vertreten).

Auch an anderer Stelle merkte ich, dass die Meinungen (auch) bei Rollenspielprodukten auseinandergehen und mitunter verfestigt sind. So wie der Vorstehende gegenderte Produkte nicht haben möchte, kenne ich auch Fälle, die nicht gegenderte Produkte ablehnen.

Exkurs 1: Was ist (hier) mit „Gendern“ gemeint?

Schon die Frage, was Gendern meint, scheint bereits strittig zu sein. Ich schrieb mal eine Mitspielerin, die wir hier Tina nennen, separat an („Hallo Jungs, hallo Tina“) und mir wurde gesagt, ich gendere. Das sehe ich hier noch nicht; zumindest scheint es eine sehr schwache Ausprägung des „Genderns“ zu sein.
Doppelnennungen („Spieler und Spielerinnern“) wären folglich ebenfalls eine, allerdings etwas stärkere, Form des „Genderns“. Die Verwendung der Partizipform (Spielende) wird mitunter schon kritischer betrachtet, wenn die Betreffenden nicht gerade jetzt auch spielen. Diverse Binnenzeichen („Spieler*innern“, „Spieler:innern“ etc.) sind jedenfalls als „Gendern“ zu betrachten. Solche Schreibweisen waren nach meinem Verständnis in der Splittermond-Startbox zu finden. Als weitere „Steigerungsfrom des Genderns“ kommt, wie ich jüngst lernte, die Verwendung von Neo-Pronomen in Frage.


Exkurs 2: Mein Standpunkt

Für das „Gendern“, in welcher Form auch immer, gibt es Pro- und Kontrapunkte. Wie für Leser dieses Blogs erkennbar, habe ich mich entschlossen, im Wesentlichen nicht zu gendern – die Explizitnennung Tinas ausgenommen. Ich kann aber gedanklich nachvollziehen, dass man zu einem anderen Ergebnis kommt und „Gendern“ wichtig findet.

Um das Für und Wider des „Genderns“ als solchem soll es aber hier nicht gehen. Ich frage mich vielmehr, was dieses Thema mit dem Rollenspiel als Ganzem machen könnte.

Zumindest ein Teil der Rollenspielerschaft ist also nicht oder nur mit Murren bereit, ein „gegendertes“ oder ein nicht „gegendertes“ Produkt zu kaufen. Fraglich ist für mich damit, wie man als Verlag damit umgehen könnte.

Und das ist für meine Begriffe herausfordernd. Die naheliegendste Lösung könnte sein, einfach zwei Versionen eines Werkes anzubieten, um beide Gruppen zufriedenzustellen. Mit Blick auf die geringe Auflage der meisten Rollenspielprodukten ist das realiter eine wohl unpraktikable Vorgehensweise. Bestenfalls bei elektronischen Büchern könnte ich mir solche Zweifachausfertigungen vorstellen.

Man könnte die Formulierungen jedoch wechseln. Das Shadowrun-Buch „Neo-Asphaltdschungel“ scheint teilweise, vielleicht unabsichtlich, diesen Ansatz zu verfolgen, da der Stil auch in einem Text stark schwankt („Anwohnende“ [S. 8] „Shopbetreibende“ [S. 62] – wenn man das Partizipform bereits als „Gendern“ begreifen möchte; aber dann z.B. „Chefetage“ [S. 9] oder Doppelnennungen z.B. „Zivilist/Passantin“ [S. 15]). Bei DSA 5 wird druchweg von „Spielern“ aber auch „Meisterin“ gesprochen. Bei DSA 4 wurden Professionen teilweise in der männlichen, teilweise in der weiblichen Form angegeben. Der System Matters-Verlag möchte offenbar durchweg „gendern“ und verwendet scheinbar sogar spezielle Pronomen, ist aber im Ergebnis offenbar doch nicht konsequent. Er würde damit ebenfalls zwischen Schreibformen wechseln.

Vielleicht ist es eine Lösung, die Formulierungen den konkreten Autoren anheim zu stellen? Hierfür könnte sprechen, dass die Autoren auch sonst großen Einfluss auf die Formulierungen haben und es letztlich ihr Text ist. Gegen diese Idee könnte angeführt werden, dass der Verlag die Produkte insofern einheitlich gestalten möchte. Das erfolgt übliecherweise über das Lektorat. Teilzeithelden hat hierzu einen interessanten Beitrag aus Sicht des Lektors veröffenticht, der auch Lösungen umfassend diskutiert. Die meisten davon skizzieren einen Mittelweg bzw. eine „angepasste Lösung“. Doppelnennungen wie „Spielerinnen und Spieler“ gehen in eine ähnliche Richtung und dürften zumindest eingermaßen unverfänglich sein – obgleich es auch hier Einwände gibt.

Es besteht bei den solchen flexiblen Alternativen und Mittelwegen allerdings die Möglichkeit, keine der beiden Gruppen zufriedenzustellen.

Insgesamt kann ich mir daher vorstellen, dass dies für Verlage ein wirklich heikles Thema ist, mit dem man sich schnell „in die Nesseln setzt“. Dies gilt umso mehr, weil die Auflagen von Rollenspielprodukten oft nur im dreistelligen Bereich sind – jeder Kauf zählt also.

Eine, eher perspektivische, „Lösung“ könnte sein, dass Rollenspielbücher künftig noch mehr primär in englischer Sprache ver- bzw. gekauft werden. Hier wird grundsätzlich praktisch durchweg das generische Maskulinum verwendet (Ausnahmen gibt es freilich z.B. „Princess“ oder „Sorceress“), was aber allseits akzeptiert ist. Die Frage nach dem „Gendern“ stellt sich damit gar nicht.

Ob dies für deutsche Verlage, die oft auch Übersetzungen englischer Werke verkaufen, eine kommerziell attraktive Perspektive ist, glaube ich hingegen nicht. Mal abgesehen davon, dass nicht jeder die englische Sprache auf einem Niveau beherrscht, um Bücher in dieser Sprache lesen zu können.