Auf der Jagd bei ebay
Ich bin im Laufe der letzten Monate wieder ein wenig auf Shadowrun gestoßen. Das führte dazu, dass ich die alten Romane aus dem Keller holte, ein paar dazukaufte und mir überlegte, wie gut doch Shadowrun ist (von ein paar eigentlich auch eher lustigen Aspekten bezüglich der völlig aus der Zeit gefallenen Technologieerzählung vielleicht, aber nur vielleicht, abgesehen).
Und weil man gute Systeme ja spielen soll, beschloss ich, für dieses Vorhaben zumindest vorzusorgen – ergo, die Bücher zu beschaffen. Das reine Kaufen ist, wie ich weiß, durchaus hinterfrageswert ob der Sinnhaftigkeit – aber so war es nun mal. Da ich nun schon mehrfach belehrt worden war, dass man heutzutage die fünfte Edition spiele (die Sechste demnach auf keinen Fall, die Vierte nur vielleicht und die Dritte geht wohl auch noch), kaufte ich mir über ebay die Regelbücher der fünften Edition zusammen (und auch sonst noch ein paar Bände). Ich erwartete, dass das so einfach nicht wird, weil die Bücher vergriffen sind und angeblich stark nachgefragt. Hierbei erlangte ich ein paar interessante Einblick in den Rollenspielgebrauchtmarkt, die dieser Erwartung nur teilweise entsprechen.
Nachgefragt und kaum verkäuflich?
Was war geschehen? Ich hatte mir ein angeblich „sehr gut erhaltenes“ Exemplar des Regelwerkes „Strassengrimoire“ gekauft – nur um festzustellen, dass der Zustand mitnichten „sehr gut“ war (der Verkäufer sah das erstaunlicherweise auch unmittelbar ein und gewährte mir einen adäquaten Preisnachlass; eine Rücktritt schloss er aus). Ich kaufte das Regelwerk daher nochmal und plante, das weniger gut erhaltene Exemplar zu verkaufen. Bemerkenswerterweise war dies, trotz adäquatem Preis, ein Unterfangen, dass einige Wochen in Anspruch nahm. Gleiches erlebte ich, als ich die DIN A5-Ausgabe desselben Buches verkaufen wollte. Obgleich diese Regelwerke angeblich stark nachgefragt sind (einer der Verkäufer schilderte mir sogar, dass er das Hobby aufgebe, weil er nicht an die Bücher käme!), war es mir doch so einfach nicht, sie zu verkaufen.
In der Tat war es für mich nicht unproblematisch „Verbotene Künste“ (ein anderer Regelband der fünften Shadowrun-Edition) zu erwerben. Und auch die Bände „Renraku-Arkologie: Shutdown“, „Königin Euphoria“ und „Portfolio eines Drachen: Dunkelzahns Geheimnisse“ sowie „Rhein-Ruhr-Megaplex“ (Quellen- und Abenteuerbände der zweiten bis vierten Edition) waren mühevoll in der Beschaffung.
Marktenge und professionelle Händler
Wie ist das also einzuordnen? Ich kam während meiner Erwerbe mit einem professionellen Händler für gebrauchte Rollenspielartikel in Kontakt, der so freundlich war, für ein Gespräch zur Verfügung zu stehen. Dieser Händler war auf DSA spezialisiert, hatte aber auch Shadowrun im Programm.
Ökonomisch kann man meine Erfahrungen mit „Marktenge“ erklären. Es gibt zwar nur wenige Anbieter. Daher ist es schwierig, die Bücher zu erwerben. Ergänzend dazu gibt es aber auch nur wenige potentielle Käufer! Angebot und Nachfrage finden daher ganz grundsätzlich nur selten zusammen. So manches Buch, obgleich mutmaßlich begehrt, wird daher lange nicht verkauft, weil es nur ein paar wenige gibt, die das Buch haben möchten. Gleichzeitig sind diese aber oft bereit, hohe Preise zu zahlen – den deren „Bedarf“ ist doch sehr ausgeprägt.
Hiermit ist auch erklärbar, warum per se selten vergriffene Rollenspiel-Bücher neu aufgelegt werden. Zwar weiß man, dass hohe Preise für zum Beispiel die DSA-7G-Bände gezahlt werden – dies aber nur selten, weil die Zahl der Interessenten so hoch nicht ist. Es lohnt daher oft nicht aus Verlagssicht, eine Neuauflage für nur wenige Käufer zu produzieren. Dass Ulisses dies gegenwärtig doch sehr regelmäßig macht, kann ich mir nur damit erklären, dass die DSA-Sammler zahlreicher und zahlungskräftiger sind. Dass ist auch so, wenn man sich nur die Preise ansieht, die für manche DSA-Produkte ansieht und mit den Preisen für Bände anderer Rollenspielsysteme vergleicht.
DSA als wichtigster (deutscher) Zweitmarkt
Diese Beobachtung fand auch Bestätigung: Genau deshalb war mein Interviewpartner auf DSA spezialisiert und schilderte, dass es noch einige Wettbewerber gebe, die ebenfalls mehrheitlich oder ausschließlich mit DSA handelten. Mein Interviewpartner und seine „Kollegen“ leben demnach (nur) vom Handel mit (gebrauchten) DSA-Rollenspielprodukten. Manchmal kaufen sie ganze Sammlungen auf – manchmal werden sie von (ehemaligen) Sammlern angesprochen, die ihre Sammlung auflösen möchten, denen dies jedoch in Eigenregie zu mühevoll ist. Auch bei ebay selbst werden Käufe getätigt. Die Ursache hierfür konnte ich selbst beobachten: Es landen immer wieder auch günstige Angebote bei ebay – auch von seltenen Bänden. Diese Schnäppchen machen aber offenbar oft nicht die Sammler, sondern die Händler. Wäre ich jedoch das ein oder andere mal geduldiger gewesen, hätte ich den ein oder anderen Euro bei meinen Shadowrun-Käufen sparen können.
Die erstandenen Werke werden schließlich durch die Händler über ebay unter die Leute gebracht. Viele Bände gebe es in Hülle und Fülle (zum Beispiel die DSA-Regelwerke der dritten Edition) und deren Preise seien auch sehr stabil. Andere Bände seien deutlich seltener. Es macht demnach aber oft keinen Sinn, beispielsweise die Goldschnittausgabe der 7G-Kampagne DSAs zu kaufen, weil diese zwar mit einer oft großartigen Marge einhergeht – aber nur nach so langer Zeit verkauft wird, dass man sich fragen muss, ob man nicht lieber gängigere Produkte kauft.
Neben der sog. grünen DSA-Reihe sind offenbar die mittleren Bände der Splitterdämmerungkampagne sehr gefragt – und zwar auch regelmäßig – und erzielen gute Preise, weil sie offenbar nur in geringer Stückzahl produziert worden seien.
Insgesamt, finde ich, doch recht interessante Einblicke. Und ein interessanter Beruf – auch wenn mein Interviewpartner schilderte, dass er jeden Tag zur Post müsse. Dass aber, müssen mitunter wohl auch die Sammler.
Der Rollenspiel-Gebrauchtmarkt ist insgesamt weniger ein klassischer Gebrauchtmarkt als vielmehr ein kleiner Sammlermarkt. Angebot und Nachfrage sind begrenzt, treffen nur selten direkt aufeinander und sorgen so für die eigentümliche Mischung aus schwer auffindbaren Büchern, langen Verkaufszeiten und gelegentlich erstaunlich hohen Preisen.


