Seit einigen Monaten befasse ich mich wieder mit dem ersten Rollenspiel, dass ich überhaupt gespielt habe: Mit Shadowrun. Und das ist eine vergnügliche Zeitreise – aus mehreren Gründen:
Meine früheren Mitspieler und ich glaubten damals (in den 90er-Jahren) in Shadowrun manchmal Dinge zu sehen, deren Trend wir bereits in der Gegenwart beobachten konnten – also bei einzelnen Aspekten meinten, die Welt bewege sich auf eine Shadowrun-ähnliche Welt zu.
Damals waren es vor allem gesellschaftliche Aspekte, von denen wir meinten, dass man Ansätze davon in der Realität sehen könne. Ergänzt wurde dies noch um vereinzelte technische Aspekte:
- Das Internet war für uns ein Vorläufer der Matrix.
- Nano-Technologie gab es bereits in den Regelwerken der zweiten Edition und in den späten Neunzigern auch erste „echte“ Anwendungen
- Autonomes Fahren war zumindest denkbar – und in Shadowrun Realität.
- Erste 3D-Filme wiesen auf das Trideo von Shadowrun hin
- Videotelefonie war zumindest absehbar möglich.
Die Liste liese sich sicherlich noch fortsetzen.
Heute sehe ich das anders. Zwar stimmen die oben genannten Aspekte immer noch einigermaßen. Allerdings wurde, trotz Matrix, die technische Entwicklung im Bereich von Computern in weiten Teilen von den Shadowrun-Machern falsch eingeschätzt. Das ist kein Vorwurf – die Macher waren schließlich keine Zukunftsforscher und hatten in den 80er-Jahren auch sicherlich nicht den Anspruch, den Beginn des kommenden Jahrtausends vorherzusagen.
Man sieht bei Shadowrum im Grunde eine Fortschreibung der Industrien aus den 80er- und 90er-Jahren. Viel Schwerindustrie, Chemie/Pharma, natürlich Waffentechnik und Raumfahrt – „asset heavy“-Industrien würde man heute sagen. Für Software- und Computertechnologie gibt es in den alten Bänden vor allem Fuchi. Später kamen aber noch Mitsuama und Neonet dazu.
Wenn man dieses Bild heute vor Augen hat oder, wie ich jüngst, die Romane liest, kommt man oft über ein Schmunzeln nicht herum: Eine schöne Szene insofern war, als Dirk Montgomery in „Haus der Sonne“ in Honolulu in einen Rolls-Royce steigt und die Stereoanlage mit den optischen Medien bewundert – also CDs oder etwas Vergleichbarem. Großartig ist auch, dass in „2XS“ ein BTL-Chip (genau genommen ein 2XS-Chip) in einer Videothek (oder meinetwegen auch Trideothek) beschafft werden muss. Auch das Nicht-Vorhandensein von Mobiltelefonen in der (damaligen) Welt Shadowruns lies mich jüngst nostalgisch zurück.
Zusammengefasst haben die Shadowrun-Autoren schlichtweg nicht die Digitalisierung vorhergesehen, beziehungsweise diese in ihrer Disruption nicht erkannt.
Nochmal: Das ist nicht im Entferntesten ein Vorwurf – im Gegenteil: Das sah in den 80er-Jahren wohl niemand so voraus.
Gleichwohl: Heute mutet die Shadowrun-Welt schon etwas arg aus der Zeit gefallen aus an.
Das bemerken auch die Autoren schließlich und versuchten heutige Technologien in die Shadowrun-Welt zu integrieren; dies geschah meines Erachtens vor allem mit Shadowrun 4, als drahtlose Verbindungen mit der Matrix möglich wurden.
Dieser Entwicklung gegenüber stand, dass viele Fans „ihr“ Shadowrun nicht mehr wiederkannten – und so wurde mit der fünften Edition vieles wieder eingesammelt.
Diese Änderungen sind aus meiner Sicht in der Implementierung in Ordnung, da man stets ein innerweltliches Ereignis schuf und bemühte, um die Änderungen zu erklären. Gleichwohl war es auch bei uns Diskussionsgegenstand, ob das Spiel, das doch „Shadowrun“ hieß, überhaupt noch Shadowrun war.
Hierbei darf nicht übersehen werden: Wir kannten die Welt ohne Mobiltelefone, ohne soziale Netzwerke, ohne Internet und dergleichen noch. Was aber wird sein, wenn eines Tages die Spielerschaft mehrheitlich mit diesen Technologien aufgewachsen sind? Änderungen hin oder her – Shadowrun dürfte für solche Spieler anachronistisch sein. Und dabei spielt Shadowrun in der Zukunft!
Ich frage mich daher, wie das weitergehen kann und ob ein System wie Shadowrun in zehn oder zwanzig Jahren noch „verstanden“ wird – oder aber völlig verschieden daherkommen wird oder muss. Wird es in dieser anderen Form noch „Vorhersagen“ für die (dann reale) Zukunft treffen, die von der Spielerschaft akzeptiert werden?
Und was geschieht, wenn man sich entschlösse, im Jahre 2050 der Shadowrun-Zeit zu spielen? Wird man den Spielern tatsächlich „zumuten“ können, dass es keine Mobiltelefone geben soll? Das erscheint mir auch heute schon schwierig.
Wie dem auch sei – mir macht mein neuer Ausflug in die Shadowrun-Welt Freude. Ein Schmunzeln bleibt aber nicht aus.



